Ist das Neue immer das Bessere?

Es gibt ja Leute, für die ist das alte, bewährte das Beste und es gibt Leute – wie mich – die brauchen immer das Neueste. 😊 Nun ist es so, das das Spezialized beim neuen Kenevo Gen2 zwar einige meiner Änderungswünsche erfüllt hat (lest dazu meinen Beitrag Spezialized Turbo Kenevo 2019 – Erfahrungen nach 1.800km), wie größere Akkukapazität oder größeren Einzugsbereich der Sattelstütze. Die Geometrie ist jetzt auch – wie gewünscht -mehr racy, aber ist das nicht zu viel des Guten? Etwas gemäßigter und mit Laufradgrößenmix wäre mir ja lieber gewesen. Komme ich damit überhaupt zurecht, oder soll ich doch mein 2019er Kenevo Expert weiterfahren? Das Spezialized Levo ist für mich keine Alternative wie mir der Vergleichstest Spezialized Turbo Levo Comp 2020 versus Turbo Kenevo 2019 gezeigt hat. Also hilft nur testen, denn schon öfter kam es beim Testen anders als gedacht….

Radikale Race Geometrie

Mit einem 495mm Reach und 1293mm Radstand in der Größe S4 (entspricht L) ist das neue Kenevo extrem lang und flach. Reach um 40mm und Radstand um 60mm länger als beim alten Kenevo. Sogar das S3 (M) hat 15mm mehr Reach und ist 30mm länger als das 2019 Kenevo in L. Könnte man nicht – wenn einem das zu extrem ist – das S3 statt dem S4 nehmen, auch wenn man 185cm groß ist? Schwierig da bei S3 das Steuerrohr 5mm niedriger und das Sitzrohr 48mm(!) kürzer ist als beim alten Kenevo in L. Mit langen Beinen ist die Option auf eine kleinere Rahmenhöhe kaum realisierbar. Was hat sich sonst bei der Geometrie geändert? Der Lenkwinkel ist mit 64° ein Grad flacher, das Tretlager um 5mm niedriger und die Kettenstreben sind mit 454mm um 11mm länger als 2019. Also ebenso alles mehr in Richtung Laufruhe und Stabilität.

Lang und flach – Geometrieunterschied leicht zu erkennen

Vergleich Levo 2019/20 L – Kenevo 2019 L 2020 S3 – S4

Gewicht eingespart und gleich schwer?

Der neue Rahmen ist 1kg und der Motor 0,4kg leichter. Beim Topmodell Expert wird die Einsparung durch den größeren Akku (+0,7kg), die Doppelbrückengabel und robustere Ausstattung (z.B.robuste DH Reifen) egalisiert. Das Bike ist gleich schwer wie das 2019er Kenevo, nämlich 24,6kg.  Das Comp Modell ist ein Kilo leichter, da die kleinere Batterie und die normale Gabel Gewicht sparen. Genug der Theorie, ab auf den Trail.

Sitzposition/bergauf top

Man sollte glauben, dass man mit 40mm mehr Reach auch gestreckter am Bike sitzt. Allerdings bringt der steile Sitzwinkel (77° um 2,4° steiler als 2019) den Fahrer wieder nach vorne und auch schön über das Tretlager. Dadurch ist die Sitzposition sehr gelungen und passt bergauf sehr gut. Die große Gesamtlänge des Bikes lässt auch an steilen Rampen das Vorderrad nicht steigen. Also bergauf ist das Kenevo Gen2 definitiv besser als das Alte.

Handling/bergab eine Macht

Wie erwartet liegt das neue Kenevo extrem gut bergab. Je steiler und je schneller umso besser. Doch auch bei gemäßigtem Tempo gibt die neue lange tiefe Geometrie extrem viel Sicherheit. Meine Theorie dass das sehr zulasten des Handlings geht hat sich bei der ersten Ausfahrt nicht bestätigt. Das Bike ist weder träge noch unhandlich oder sperrig zu fahren. Hier sind die 27,5“ Laufräder mit 2,6“ Bereifung richtig verbaut. Mit 29“ oder 2,8“ Reifen würde die Sache wahrscheinlich anders aussehen… Jedenfalls ist mir die Geometrie wider Erwarten nicht zu extrem. Spitzkehren bin ich keine gefahren, hier wird sich der längere Radstand sicher bemerkbar machen. Was mir allerdings nicht gefällt ist, dass das Anheben des Vorderrads schlechter geht als beim alten Kenevo. Hier sind die 11mm längeren Kettenstreben Spielverderber. Ich wäre hier beim Wert vom alten Kenevo geblieben. Die restlichen Geometriewerte sind radikal genug.

Gut getarnt im Wald in der Farbe Gunmetal/Hyper Green

Der Vergleich macht Dich sicher

Unmittelbar vor und nach meiner Testfahrt bin ich die gleichen Downhills mit meinem 2019er Bike gefahren. Mein 2019er Kenevo fahre ich mit 29“ Vorderrad, dadurch ist es länger und stabiler als mit der Originalgeometrie. Der Unterschied ist gravierend. Das Gen2 Kenevo liegt dermaßen gut und sicher am Trail das es für mich kein zurück gibt. Mein 2019er Kenevo schluckt kleine Schlägen zwar besser (weichere Grundabstimmung am Heck mit 502lb Feder vs 550lb beim Gen2), sobald man aber mit Speed in Schläge, Steilkurven oder Kompressionen fährt, ist die Stabilität des neuen Kenevo eine Macht.

Motor/Akku unspektakulär

Zwischen alten 1.3 Motor und neuem 2.1er Motor ist nicht viel Unterschied zu bemerken; und das ist gut so. Harmonische Unterstützung und leise sind beide. Wobei der Motor des Testrads in mittleren Drehzahlen etwas lauter war als der meines alten Kenevos. Das Comp Modell hat den 500Wh Akku verbaut, also sind keine größeren Reichweiten möglich.

Sensibles Marzzochi Bomber Fahrwerk

Die im Marzzochi Bomber CR Federbein verbaute 550lb Feder ist für mich mit 85kg mit Ausrüstung deutlich zu steif. Hier würde ich auf eine 500lb Feder wechseln. Wegen der Balance habe ich vorne auch härter abgestimmt. Auch mit dieser straffen Abstimmung war das Ansprechverhalten gut, nur konnte ich die 180mm nicht annähernd ausnutzen. Wie gut die Marzzochi Federelemente funktionieren lässt sich so nur schwer sagen.

Fazit

Das neue Spezialized Kenevo Gen2 ist deutlich abfahrtslastiger als bisher. Natürlich büßt es dadurch Allroundtauglichkeit ein, aber die gesteigerte Downhillperformance ist es ja auf die es beim Kenevo ankommt. Das alte Kenevo ist mehr „Spielzeug“, das Gen2 mehr „Waffe“. Das Gen2 muss aktiver gefahren werden, dann kann man auch mit dem Gelände spielen, und zwar mit einer Sicherheit, die bisher unerreicht war. Am besten selber testen – RoFa Sport machts möglich 😎.